
GEDENKFEIER AM MAHNMAHL
30. April 2026
Rede von Andrian Kreye, SZ-Journalist und Autor
Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich …
Es gibt Daten, die stehen im Kalender. Und es gibt Daten, die liegen in einer Landschaft. Der 30. April 1945 ist für Seeshaupt ein solches Datum. Er liegt in der Bahnhofstraße, am Bahnhof, auf dem Friedhof, in diesem Mahnmal. In einer Gegend, die zwischen See und Bergen so schön ist, dass man leicht vergisst, wie viel Geschichte auch in schönen Landschaften verborgen liegen kann.
Wer von München hierherkommt, spürt schnell, warum Menschen sich hier zu Hause fühlen. Die Weite des Sees, die Berge im Süden, dieses fast unwirkliche Licht. Auch 1945 war das so. Die Schönheit war da. Und dann stand plötzlich dieser Zug im Ort.
Jörg Kicherers Mahnmal erinnert an den Tag im Frühjahr 1945, an dem Seeshaupt mit einer Wirklichkeit konfrontiert wurde, die bis dahin für viele verborgen geblieben war. Fast 2000 KZ-Häftlinge waren in den Waggons eingepfercht. Sie kamen aus dem Lagerkomplex Mühldorfer Hart, einem Außenlager des KZ Dachau. Tagelang waren sie in den Waggons eingesperrt gewesen, gezeichnet von Hunger, Durst, Krankheit und Todesangst. Viele lebten nicht mehr, als der Zug Seeshaupt erreichte. Andere starben nach der Befreiung.
Amerikanische Soldaten öffneten die Waggons und befreiten die Überlebenden. Und sie zwangen die Menschen im Dorf, hinzusehen. Sie zwangen sie, den Geschundenen in die Augen zu schauen und die Toten wahrzunehmen.
Dieses Hinsehen war grausam. Es hat die Menschen damals traumatisiert. Aber es war notwendig. Denn das nationalsozialistische System hatte seine Verbrechen mit einer Mauer des Schweigens umgeben. Es hatte dafür eine Sprache geschaffen, in der Verbrechen wie Verwaltung klangen. Menschen wurden deportiert, aber man sprach von Umsiedlung. Statt von Vernichtung sprach man von Sonderbehandlung. Und das Grauen war bestens organisiert. Es gab Formulare, Befehle, Fahrpläne, Bilanzen des Todes.
Am 30. April 1945 wurde das in Seeshaupt sichtbar. Mit einer Wucht, die sich für uns heute kaum nachvollziehen lässt. Wer Zeuge wurde, konnte es nicht mehr vergessen.
Dieses Hinschauen wurde nach dem Krieg zu einer der Voraussetzungen dafür, dass aus Deutschland eine liberale Demokratie werden konnte, vor allem aber ein Land, das gelernt hat, dass Wegsehen nicht neutral ist. Mahnmäler sind deshalb etwas anderes als Denkmäler. Sie stehen nicht nur da, um an Vergangenes zu erinnern.
Ich erinnere mich noch, wie ich als Achtjähriger mit der Schule nach Dachau fahren musste. In einer Baracke sahen wir den Haufen Schuhe getöteter Kinder. Damals konnte ich das nicht einordnen. Aber etwas brannte sich ein. Erst viel später wurde daraus eine Frage, die mich bis heute begleitet: nicht nur, was war, sondern was ist und was sein darf.
Der Holocaust bleibt ein einzigartiges Verbrechen: Das ist nicht verhandelbar. Man schwächt die Erinnerung, wenn man jeden neuen Krieg, jede Autokratie, jedes Massenverbrechen sofort mit der NS-Zeit gleichsetzt. Nicht jeder Diktator ist ein neuer Hitler.
Aber daraus folgt nicht, dass die Vergangenheit schweigen soll. Gerade weil der Holocaust einzigartig war, müssen wir fragen, welche Warnungen aus dieser Geschichte bleiben. Wir müssen hellhörig bleiben, wo gibt es wieder Verschiebungen in der Sprache? Wo gewöhnen wir uns daran, dass Menschen nur noch als Problem erscheinen? Wo wird Härte als Beweis von Stärke gefeiert?
Unsere Gegenwart hat eine Form der Schonungslosigkeit hervorgebracht, die sich nicht mehr versteckt. Aber das Hinschauen ist schwieriger geworden. Denn die Gegenwart sendet live, sie findet sich in den Flüssen der sozialen Medien, in den Fronten unserer Debatten und in der Politik. Wir kommunizieren mit Maschinen, die uns ein Tempo vorgeben, das uns überfordert. Und die Schonungslosigkeit kommt aus der Logik der Maschinen. Härte heißt dann Effizienz. Zynismus wird Realismus genannt. Rücksichtslosigkeit gilt als Handlungsfähigkeit.
Vielleicht ist das eine der gefährlichsten Versuchungen unserer Zeit: dass nur noch zählt, was sich durchsetzen lässt. Was funktioniert. Was Gewinn bringt. Was als Härte verkauft werden kann.
In dieser Logik wird Politik zur Transaktion, mit Nebenkosten wie menschliches Leid, eine Erosion des Rechts und der Wahrheit. Donald Trumps „Art of the Deal“ ist dafür nicht nur ein Buchtitel, sondern ein Symbol geworden: Politik als Geschäft. In jeder Konsequenz. Der Profit wird da zu einer abstrakten Macht, die alles andere an den Rand drängen darf. Und dieses Denken verbreitet sich mit ungeheurer Geschwindigkeit.
Nach dem Krieg verbreitete Amerika seine Werte über die Kultur. Da gab es die Bücher von Hemingway, Steinbeck und Kerouac, Jazz von Dizzy Gillespie und Louis Armstrong. Amerika wusste, dass der damalige Freiheitsgedanke in Bildern von Jackson Pollock oder in einem Trompetensolo von Dizzy Gillespie stärker wirken konnte, als in jeder Belehrung oder Propaganda.
Doch die Kultur der Gegenwart sind keine Bücher, Theaterstücke und Künste mehr. Die digitale Welt hat all diese Deutungshoheiten verschluckt. Algorithmen spielen mit unseren Gefühlen und vor allem mit unserer Empörung. So erscheint dieser Hyperpragmatismus als eine logische Konsequenz der Wirklichkeit. Als Wahrheit.
Das zeigt eine gefährliche Verschiebung, denn die Vorstellung, es gebe keine höheren Bindungen mehr als den Vorteil und die eigenen Stärke sind nicht weit weg vom Faustrecht.
In den USA manifestierte sich diese Härte inzwischen mit Wucht in der Öffentlichkeit. Deportation erscheint nicht mehr nur als Verwaltungsvorgang, sondern als politischer Triumph. ICE wird nicht bloß als Behörde eingesetzt, sondern als Machtzeichen. Die Razzien der maskierten Beamte, die Angst in Schulen und Nachbarschaften — all das richtet sich nicht nur gegen jene, die festgenommen werden. Es richtet sich auch an alle, die zuschauen. Weltweit. Auch an uns. Es ist das Signal – der Westen wehrt sich. Grusel packt einen, wenn man die Rufe hört, mit denen sich die Menschen in den Einwanderervierteln vor der Polizeitruppe ICE warnen.
Und es gibt noch ein Element, das da in diese neuen Öffentlichkeit spielt. Historiker Timothy Snyder nannte das Sadopopulismus. Wenn sich das Weiße Haus auf seinem offenen Kanal mit Internetvideos über das Leid der Deportierten lustig macht, ist das pure Grausamkeit. Längst gibt es bei uns Rufe, man brauche auch eine ICE-Truppe in Europa. Es gibt sie schon. Frontex geht an den Außengrenzen Europas mit ähnlicher Brutalität vor, nur nicht so offensiv öffentlich.
Eine offene Gesellschaft darf sich nicht daran gewöhnen, dass staatliche Gewalt als Spektakel auftritt. Eine offene Gesellschaft ist auch keine unschuldige Gesellschaft. Sie macht Fehler, aber sie kann etwas, das Diktaturen nicht können: Sie kann sich öffentlich korrigieren.
Deswegen zwingt uns dieses Hinschauen zu einem neuen Blick auf die Gegenwart. Die Frage darf nicht sein Können wir es? Die Frage ist: Dürfen wir es?
Heute zwingt uns niemand zum Hinsehen, so wie die GIs 1945 die Seeshaupter. Wir müssen es selbst tun. Und wir müssen es wieder lernen. Gerade weil uns die Vergleiche fehlen. 2026 ist weit entfernt von 1933 und 1945. Doch wir erkennen kaum noch, was Wahrheit oder Menschlichkeit sein kann. In diesen Fluten der Zweckmäßigkeit gehen sie unter. Das bedeutet nicht, immer sofort die richtige Antwort zu haben, aber es verpflichtet, sich der Wirklichkeit auszusetzen, bevor man sich in Meinungen rettet.
Das Mahnmal in Seeshaupt trägt einen Satz, der fast das Gegenteil der Meinung ist. Er stammt aus der Antigone des Sophokles: „Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“
Das klingt fast zu sanft angesichts der Waggons, der Toten, der ausgemergelten Körper. Aber bei Sophokles ist Liebe keine Gefühligkeit. Sie ist Widerstand. Antigone widersetzt sich einer Macht, die über den Tod hinaus verfügen will. Sie besteht darauf, dass ein Mensch auch dann noch Anspruch auf Würde hat, wenn der Staat ihn zum Feind erklärt.
Am Ende steht dieses Mahnmal nicht nur für Trauer. Es steht für eine Haltung: für die Weigerung, Menschen verschwinden zu lassen; Geschichte zu entsorgen; Grausamkeit als Pragmatismus zu verkleiden.
„Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“
Und man möchte ihn ergänzen.
Zum Hasse nicht.
Zur Gleichgültigkeit nicht.
Zur Kälte nicht.
Zur bloßen Zweckmäßigkeit nicht.
Zur Liebe bin ich.
Vielen Dank
© Andrian Kreye, 2026

