SEESHAUPT ZEIGT HALTUNG
… bei der Zusammenkunft auf dem Rathausplatz am Samstag, 10. Januar, zu der trotz winterlichem Wetter über 300 Menschen gekommen waren


Seeshaupt, pass‘ auf!
„Pass‘ auf, wenn Du über die Straße gehst“ ist eine Alltagsfloskel. Dass man nicht aufgepasst hat, wird einem aber oft erst bewusst, wenn es zu spät ist. Hätte man doch beizeiten besser aufgepasst…
Dazu eine Passage aus der Rede des Schriftstellers Gert Heidereich zur Gedenkfeier am Mahnmal 2025
„… Als großer Irrtum der jüngsten deutschen Geschichte hat sich erwiesen, dass man uns Wählern nur emsig genug Dokumentationen des Horrors zeigen müsse, um eine Auferstehung des Nazismus in den Köpfen zu verhindern. Inzwischen sind in Dokumentarfilmen immer häufiger Täter sichtbar, durchaus mit Spekulation auf den Schauder des Bösen. Noch immer scheinen ihre selbstgefälligen Mienen besser ins Programm zu passen, als die abgrundtiefe Verzweiflung und stumme Klage in den Gesichtern der Opfer …“
Es wird immer deutlicher, dass der Blick allein auf die deutsche Vergangenheit nicht mehr ausreicht. Dass wir vielmehr auf das schauen und aufpassen müssen, was heute geschieht.

Seeshaupt, vergiss‘ nicht
„Vergiss‘ nicht“ ist ein Appell, aus Erfahrungen zu lernen. Eine „Erinnerungskultur“ können wir gerade jetzt in Seeshaupt sehr gut brauchen.
Dr. Max Schröer – ein Mann mit Haltung (1883 bis 1963)
Nicht jedem hier wird der Name Dr. Schröer etwas sagen, obwohl er im Dritten Reich maßgeblich an der Rettung jüdischer Seeshaupter Bürger vor dem Zugriff der Nationalsozialisten beteiligt war.
Dr. Schröer stammte aus Ostdeutschland, bis 1931 war er Bürgermeister der Stadt Hildburghausen, wurde aber aufgrund massiver Angriffe von NSDAP-Parteimitgliedern nicht mehr wiedergewählt. Zusammen mit seiner Frau zog er sich nach Seeshaupt zurück und baute die „Schröer-Villa“ an der St. Heinricher Straße – heute die Villa SüdSee.
Der aufrechte Protestant gehörte im Dritten Reich zum legendären Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde Penzberg-Seeshaupt unter dem Widerstandspfarrer Karl Steinbauer und unter Pfarrer Christoph Simon. In dieser Eigenschaft begleitete Schröer 1938 Pfarrer Simon zum NSDAP-Kreisleiter in Bad Tölz. Simon hat das denkwürdige Ereignis in seinen Erinnerungen festgehalten:
Drei jüdische Gemeindemitglieder gehörten in der NS-Zeit zur Evangelischen Kirche (Anm: sie konnten alle bis nach 1945 hier unbehelligt leben). Einer von ihnen war der Diplomat Heinrich von Herrmann, er sollte am Morgen nach der Pogromnacht, am 10. November 1938, abgeholt werden. Die Kirchenvorstände Dr. Schröer, Georg Veitinger aus Schechen und Johannes Lang vom Schloss Seeseiten konnten bei Bürgermeister Schwaighofer die Verhaftung zunächst abwenden. Der Erfolg war jedoch von kurzer Dauer, denn nun wurde die gewaltsame Abholung durch die SA angedroht. Wieder war es Dr. Schröer, der die Initiative ergriff: Zusammen mit mir, dem unerfahrenen jungen Pfarrer Simon, wurde Schröer beim zuständigen NSDAP-Kreisleiter in Bad Tölz persönlich vorstellig. Ich muss gestehen, dass mir das Herz schlug. Ein Kreisleiter vereinigte in dieser Zeit mehr als die politische Macht eines ganzen Landkreises in seinen Händen. … Das Anliegen, das wir vorzubringen hatten, war schwerwiegend genug… Es waren bange Minuten, die Dr. Schröer und ich zu warten hatten. Der Kreisleiter kam, wider Erwarten hatte er sich nicht verleugnen lassen. Die Aussprache verlief kurz, klar und unheilvoll. Als wir gingen, glaubten wir zu wissen, woran wir waren. Es würde uns nichts erspart bleiben. Der Kreisleiter hatte unmissverständlich erkennen lassen, was er mit solcher Auflehnung wider die Staatsgewalt zu tun beabsichtige. Er werde sie mit allen Mitteln brechen. Nie werde ich vergessen, wie gefasst und äußerlich unbewegt Dr. Schröer als Sprecher unserer Gemeinde den heftigen Auftritt des Kreisleiters hinnahm. – Wenige Stunden später rief der Seeshaupter Bürgermeister Schwaighofer im Pfarramt an, die Ausweisung der jüdischen Bürger werde nicht mit Gewalt erzwungen werden, die Aktion der SA Männer sei zurückgenommen. Es war eine Gebetserhörung, mit der wir nicht gerechnet hatten.“
Nach Kriegsende wurde Dr. Schröer von den Amerikanern zum ersten Landrat im Landkreis Weilheim ernannt und 1946 zum Vorsitzenden der Spruchkammer in Weilheim

Seeshaupt, sei wählerisch!
„Wählerisch“ sein können ist ein Privileg der Demokratie, aber gleichzeitig auch eine Verantwortung für die Zukunft der Demokratie.
Und deswegen beschäftigt uns der Vergleich zwischen den Wahlergebnissen der NSDAP ab 1928 und denen der AFD ab 2013:
Reichstagwahlen NSDAP
1928: 2,6 %; 1930: 18,3 %; 1932: 37,5 %; 1933: 43,9 %
Bundestagwahlen AFD
2013: 4,7 %; 2017: 12,6 %; 2021: 10,3 %; 2025: 20,8 %;
2029: 25 % (laut Sonntagsfrage Süddeutsche Zeitung Dezember 2025)
Was wir daraus lernen?
Seeshaupt sei wählerisch! Wir wollen die Demokratie behalten. Wir wollen kein anderes System. Wir sind stolz auf unsere Nachkriegsgeschichte – auch hier im Dorf Seeshaupt. Wir sind stolz auf die Mitgliedschaft in der EU und in der Nato, die unsere Freiheit verteidigen. Dafür brauchen wir den Schulterschluss unter Gleichgesinnten, so wie heute hier – das bestärkt uns beim Eintreten für die Demokratie in unserem Land, und hier „am Ufer der Berge“. .
